Vorträge und Veranstaltungen mit Prof. Dr. Dirk Blothner finden wegen der Kontakteinschränkungen nicht statt

Beobachtungen und Texte in der Corona-Zeit

Gesellschaftlicher „Shut Down“ und die „Einübung“ des seelischen Geschehens

Vor den Bewegungseinschränkungen, die Mitte März 2020 von staatlichen Institutionen angeordnet wurden, konnten die Menschen über die Räume der Welt, über die Nähe zu anderen Menschen und über Gegenstände und Materialien ihre Stundenwelten ausgestalten. Die Vielfalt dieser Anhaltspunkte für das Seelische ist seitdem eingeschränkt. Beim Blick aus dem Fenster sind kaum Bewegungen, nur wenige andere zu entdecken. Bei der Fahrt oder dem Gang durch die Stadt begegnet man einer fast sonntäglichen Ruhe und Leere. Das andere in Form von Menschen, Gerüchen, Ausblicken und Gegenständen, das die Psyche so sehr braucht und liebt, ist zunächst einmal auf die vertrauten Gestaltanreize begrenzt. Wendungen der Handlungseinheit über die Bewegung im Raum, über Begegnungen können nur wenig ausgekostet werden. Der Alltag konzentriert sich auf den häuslichen Raum – glücklich, wer einen Garten hat.

Wenn man dagegenhält, dass die Welt heute über das Internet und die vielen Medienströme in gewisser Weise zugänglich ist und dem Seelischen einen unendlichen Strom der Gestaltung anbietet, sieht die Lage zunächst nicht viel anders aus. Denn Medien stellen einen unwillkürlich anziehenden, monothematischen Strom bereit, der die bedrückende, allgemeine Lage spiegelt und damit intensiviert. Die oben angesprochenen Wendungen werden durch Schreckensbotschaften und ansteigende Fallkurven angestoßen. Nur selten wird ein Anlass gefunden, sich auf etwas völlig anderes einzulassen. Wenn das doch einmal gelingt und sich das Seelische für eine Stunde in ein Werk der Literatur oder der Musik verwandeln kann, ist die damit erschlossene Weite und lebendige Komplexität wohltuend erfahrbar. In solchen Werken kann sich die Psyche die Beweglichkeit und damit Lebendigkeit zurückholen, die sie über den Shutdown des öffentlichen Lebens eingebüßt hat.

Psychologen können an diesen Phänomenen die Verschränkung des Seelischen mit der Wirklichkeit beobachten, die Wilhelm Salber 1965 unter dem Stichwort „Einübung“ und dem Verhältnis von Verwirklichung und Anverwandlung beschrieb. Die gegenständliche Welt, die Kultur stehen demnach dem menschlichen Seelenleben nicht nur als Wahrnehmungsobjekt gegenüber. Sie machen es unmittelbar zu dem was es ist. In ihrem Material, an ihren Formangeboten kommt die Psyche dazu, sich selbst als etwas Wirkliches zu erfahren. Auf der anderen Seite stehen die Gestaltungszüge der anderen „Bedingungen“ bereit, diese Verwirklichungen anzuverwandeln. Das bedeutet, sie durchformen sie und weisen ihnen einen Platz im Ganzen zu. Solche Prozesse sind mit „Einübung“ gemeint. Es ist hilfreich, sich diese Zusammenhänge deutlich zu machen. Denn so wird verständlich, wie wichtig es auch in diesen Wochen ist, dem eigenen Seelenleben einen Austausch mit Anderem zu ermöglichen.

Um die Wirklichkeit ein wenig zurückzuholen und deren Erfahrung zu intensivieren, empfiehlt es sich zum Beispiel, jeden Tag mit Ruhe und Konzentration ein Mahl zu bereiten. Besteht eine allgemeine Deprivation von Welt, kann man sich doch auf das Material von Gemüse, Kartoffeln, Fleisch, Gewürzen umso intensiver einlassen und diese über eigene Tätigkeiten in ein schmackhaftes Essen verwandeln. Man nimmt unmittelbar an einer sinnlichen Entwicklung teil, wird in gewisser Weise zu ihr. Oder man nimmt sich einen Roman zur Hand, von dem man weiß, dass er einem schon einmal Trost spendete, weil sich bei der Lektüre eine dynamische Welt eröffnete. Mit Zeit und Muße können deren Chancen und Begrenzungen noch einmal ausgekostet werden. Wer Klassische Musik mag, dem bieten die Berliner Philharmoniker in diesem Wochen einen freien Zugang zu ihrem Konzertarchiv an. Auf der Seite https://www.digitalconcerthall.com/de/home kann man ältere, aber auch die jüngsten Konzertaufzeichnungen in hervorragender Qualität sehen und hören. Ich empfehle das Sylvester-Konzert mit der Sopranistin Diana Damrau. Es ist in diesen Tagen fast unwirklich, zu welch einer tragikomischen Lebensfreude sich die Musiker unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko mit diesen kurzen Stücken des 20. Jahrhunderts (Gershwin, Bernstein, Weil u.a.) aufschwingen.

Jeder kann sich über die neuen Medien solche oder andere Stundenwelten in den Kreis der häuslichen Einschränkung hereinholen. Es empfiehlt sich, die Strukturierungen, in denen sich Einübungsprozesse vollziehen dabei aufzugreifen und zu nutzen. Nehmen wir das Verhältnis von Verwirklichung und Anverwandlung ernst, bietet es sich an, Medienstunden immer mal wieder zu unterbrechen und die Gestalten, die sich haben verwirklichen können, ausklingen, abschmecken zu lassen und ihnen einen Platz im Ganzen einzuräumen. Nach einem Spielfilm kann man eine Pause machen, ergänzenden Gedanken nachhängen oder mit einem anderen das Gespräch darüber suchen. Bringt man sich mit einer der vielen Streaming-Serien durch den Tag, kann es wohltuend sein, nach jeder Folge eine Pause zu machen und das Erlebte erst einmal zu verdauen. Mitgehen mit den sich verwirklichenden Szenenfolgen auf der einen und deren aktives Zu-Eigen-Machen auf der anderen Seite können aus einem Serien-Tag ein den Alltag vertiefendes Erlebnis machen. Überlässt es alles den Verwirklichungsprozessen, gerät das Seelische in den Sog ungebrochener Tagträume hinein. Man erlebt Verwandlungen, der Alltag hat aber nichts davon. Ähnlich lässt sich mit Musik und Lektüre verfahren.

Die Psyche ist in der Auffassung der Psychologischen Morphologie ein Wirkungszusammenhang zwischen Gestalten und Gestaltet-Werden. Ohne aktives, umsichtiges Tun nimmt ein Automatismus von Gestaltungsmechanismen die Führung. Es kommt darauf an, die verhältnisartigen Strukturen des Seelischen immer mal wieder bewusst zu handhaben. Dann hat man mehr von den Tagen der Corona-Zeit.