In »Malen und Lieben« werden wir Zeugen einer Kontaktaufnahme, eines sich Einstellens aufeinander. Halbbewusst spüren wir die Erotik in dem Moment der zufälligen Begegnung zwischen der schauenden Frau und dem blinden Mann.

Wohin uns die Unruhe des Lebens treibt

Malen oder Lieben (F 2005)

Buch & Regie: Arnaud und Jean-Marie Larrieu

Die Eingangszene setzt die Aktivität der Zuschauer bewusst ein, um einen Wirkungsprozess zu modellieren, der das Ganze vorwegnimmt. Da sind die erregenden Landschaftsaufnahmen, die Suche Madeleines (Sabine Azéma) nach dem geeigneten Platz zum Malen, das Einnehmen der optimalen Position und das Bild das sie malt, das wir niemals zu sehen bekommen. Dann folgt eine Störung, die wir mit Unruhe verfolgen. Die seltsamen Bewegungen eines Mannes, die sich erst allmählich als der unsichere Gang eines Blinden herausschälen. Er heißt Adam (Sergi Lopez) und ist der Bürgermeister des Ortes. Wir werden Zeugen einer Kontaktaufnahme, eines sich Einstellens aufeinander. Halbbewusst spüren wir die Erotik in dem Moment der zufälligen Begegnung zwischen der schauenden Frau und dem blinden Mann. Und wir erfahren, dass sich ganz in der Nähe, am Rande des sichtbaren Bildes, ein Haus befindet. Adam verführt Madeleine, ihm dorthin zu folgen. Er wolle ihr das Haus zeigen. Auch der Hausbesitz sei ein Gefühl! Und schon sind wir über eine Phase der Unruhe vom Malen zum Lieben übergegangen. Und erst dann, wenn die beiden den Rahmen des Bildes verlassen haben, kommt das ruhig dastehende Gebäude in den Blick. Ein Haus, das schon über hundert Jahre dort stehen mag und der Unruhe des Lebens eine Form gegeben hat. Das Verhältnis von Unruhe und Verfassung hat sich etabliert und wird uns nicht wieder loslassen.

Am Ende steigt am späten Abend William (Daniel Auteuil), der pensionierte Mann Madeleines, einen Hang hoch und blickt über die in der Abenddämmerung unheimlich wirkenden Alpen. Wie klein der Mensch wirkt in der unfassbar weiten, gleichgültig wirkenden Natur! Das ist beunruhigend. Dann wendet sich William ab und geht zurück zum dem Haus, das wir in der oben beschriebenen, ersten Szene zum ersten Mal sahen. Schon lange ist es renoviert, bewohnt und anheimelnd beleuchtet. Hier wohnen William und Madeleine. Hier finden sie Bergung. Es tut gut, wenn die unheimliche Unruhe der Wirklichkeit eine Verfassung findet.

Zwischen diesen beiden Szenen bezieht Malen oder Lieben sein Publikum in den Wandel einer Liebesbeziehung ein. Madeleine und William sind seit dreißig Jahren verheiratet und lieben sich immer noch. Trotzdem treibt die Unruhe des Lebens sie zum Partnertausch. Verwundert lassen sie sich von dem Bürgermeisterpaar Adam und Eva (Amira Casar) dazu verführen und werden von dieser neuen Organisation ihrer sexuellen Beziehung mehr und mehr in Besitz genommen. Der erste Spielfilm der Gebrüder Larrieu lässt mit vollziehen, in welche Faszinosa und Probleme wir in einer Gesellschaft geraten können, in der die Arbeit immer weniger den Alltag der Menschen bestimmt. Er macht erfahrbar, wie sehr die konstitutionelle Unruhe des Lebens uns dazu führt, immer neue Verfassungen für unsere Erregbarkeit auszubilden. Je weniger die Arbeit dem Leben Richtung gibt, desto mehr werden wir von Obsessionen erfasst. Dann kann es passieren, dass selbst eine „glückliche Beziehung“ uns das quälende Gefühl vermittelt, nicht alle erregenden Angebote der Welt unterbringen zu können.

Der Film wurde im letzten Sommer vom französischen Kinopublikum bereitwillig aufgenommen. Am 14. Juni 2006 ist er in den deutschen Kinos angelaufen.