Das wirkungspsychologische Problem der aktuellen Neuverfilmung von »King Kong« fängt damit an, dass es im ersten Drittel schwer fällt, eine emotionale Richtung zu finden, die auf den Kernkomplex des Ganzen zuführt.

King Kong

King Kong (Neuseeland / USA 2005)

Regie: Peter Jackson

Der von der Kinowirtschaft mit Spannung erwartete Film von Peter Jackson hat es nicht geschafft, am Ende des flauen Kinojahres 2005 das Ruder noch einmal entscheidend herumzureißen. Die Einspielergebnisse sind nicht wirklich schlecht, lassen aber auch keinen außergewöhnlichen Blockbuster erwarten. Der hohe Druck der Marketingkampagne des Verleihers UIP hat in der ersten Woche Wirkung gezeigt. Doch danach entscheidet die Mundpropaganda über das Schicksal eines Neustarts. Entfaltet der Film aus sich heraus keine überzeugende Wirkung, lassen die Zuschauerströme rasch nach.

Wie CAG Düsseldorf und Filmwirkungsanalyse Köln im Dezember in Blickpunkt Film an den Daten des GfK-Panels nachweisen konnten (siehe den untenstehenden Artikel auf dieser Seite), setzt Hollywood seit einigen Jahren auf den ganz großen Wurf. Es werden mehr und mehr Filme produziert, die auf die Bedürfnisse möglichst aller Zielgruppen einzugehen suchen. In ein und demselben Film werden die Jungen mit atemberaubenden Spezialeffekten, Twens mit ungewöhnlichen Inhalten, Frauen mit rührenden Liebessubplots und die Älteren mit bewegenden Einsichten in die Konstruktionsprobleme des Lebens versorgt. Eine solche Rechnung geht jedoch nur auf, wenn der Film durch alle Einzelperspektiven hindurch eine starke Verfassung ausbildet. Von einem wirklich zentrierten Erlebnis lassen sich Jung und Alt, Mann und Frau, Arbeiter und Akademiker für einige Stunden auf ein und dieselbe Entwicklung einschwören. Titanic hatte es Ende der 1990er Jahre vorgemacht. James Cameron war es gelungen, einen Jahrhundertmythos, die ängstliche Stimmung an der Jahrtausendwende, beeindruckende Spezialeffekte und eine bewegende Liebesgeschichte in einer fesselnden Verfassung zu vereinen. Jede Szene illustrierte das übergreifende Thema des Films und die Zuschauer waren deshalb von Anfang bis Ende mittendrin. Herr der Ringe und Harry Potter haben diesen Trend in den vergangenen Jahren erfolgreich fortgeführt. King Kong sollte sich in diesen Siegeszug der Blockbuster für alle einreihen. Doch in diesem Fall war die Sehnsucht nach dem großen Wurf größer als die wirkungspsychologische Vernunft.

Das wirkungspsychologische Problem von King Kong fängt damit an, dass es im ersten Drittel schwer fällt, eine emotionale Richtung zu finden, die auf den Kernkomplex des Ganzen zuführt. So wird man weder mit der schönen und traurigen Ann Darrow (Naomi Watts) noch mit den ehrgeizigen Plänen des Regisseurs Carl Denham (Jack Black) warm. Auch die sich anbahnende Liebe zwischen Ann und dem Drehbuchautor Jack Driscoll (Adrien Brody) setzt sich nicht in zentrierten Wirkungsqualitäten fort. Zwar sprechen die Figuren Absichten und Gefühle aus, aber sie wirken wie Behauptungen und stellen deshalb keine einbindende Volte im Erleben der Zuschauer her. Die Fahrt über den Ozean und die ersten Schritte auf dem unheimlichen Eiland sind zwar für manchen Schock und einige Gänsehaut gut, aber vom Ganzen her betrachtet, wirken sie unverbunden, auf bloße Beeindruckung ausgerichtet.

Erst wenn es zu der Begegnung zwischen der blonden, zarten Schönheit und dem schwarzen, riesigen Gorilla kommt, entfaltet sich im Filmerleben eine packende und anrührende Gestalt. Sie hat zu tun mit der unberechenbaren Macht der Liebe, die groß und klein, schwarz und weiß, Kraft und Anmut, männlich und weiblich, Tier und Mensch auf zauberhafte Weise zu vereinen versteht. Größer können die Unvereinbarkeiten kaum ausfallen und doch werden sie, je länger der Film dauert, auf magische Weise überwunden. Hierin hat der Film sein emotionales Zentrum gefunden.

Wenn die anmutige Ann tanzt und jongliert, um Kongs schlechte Laune zu vertreiben, wenn Affe und Frau ihren Blick auf die Schönheit des Sonnenuntergangs richten, wenn sie unter ihrer Trennung leiden und einander im verschneiten New York suchen, wenn sie sich in intimer Vertrautheit auf dem Dach des Empire State Buildings in die Augen blicken, vergehen alle Zweifel an der Wahrscheinlichkeit der Geschichte, weil der Film es versteht, in zerdehnten Augenblicken das Gefühl einer liebevollen Annäherung lebendig zu halten. King Kong ist im Kern ein Liebesdrama und bezieht seine Wirkung – wie zum Beispiel auch Disneys Die Schöne und das Biest – aus der Modellierung einer unmöglichen Vereinigung. Doch ein großer Teil der beeindruckenden Actionsequenzen führt in eine ganz andere Richtung.

Im Kino erwarten die Menschen Fesselungserlebnisse. Aber die können sich nur ausbilden, wenn die in den einzelnen Zuschauern entfesselten Wirkungsqualitäten einen bedeutsamen und damit spürbaren Rahmen erhalten. So wie sich ein Land eine Verfassung gibt, damit die Vielfalt der Lebensentwürfe nicht in Anarchie übergeht, so brauchen Filmwirkungsprozesse eine starke inhaltliche Vereinheitlichung. Vielleicht haben die physischen Beeindruckungen zu Beginn der digitalen Revolution solche Notwendigkeiten noch überformen können. Heute aber, nachdem das Publikum mit Spezialeffekten überfüttert wurde, wird es Zeit zu diesen Grundwahrheiten zurückzufinden. Hätte Peter Jackson seinem Tiefenthema mehr vertraut, wäre der Film eine gute Stunde kürzer geworden. Seiner Wirkung wäre diese Konzentration sehr entgegengekommen. Nun haben wir die Situation, dass sich die jungen Kinogänger durch die romantischen Abschnitte des Films durchbeißen und die älteren und weiblichen Zuschauer ihre Augen bedecken müssen, wenn gefräßige Tyrannosaurusse und überdimensionale Kakerlaken ein vorübergehendes Horrorszenario entfalten. Kaum einer wird wohl aus diesem Film rundum zufrieden herauskommen können. Denn er wurde um ein zentriertes Filmerlebnis betrogen.

Dirk Blothner