Wenn ein Film in den Medien schlecht besprochen wird und beim Kinopublikum dennoch eine gute Resonanz erhält, schaltet sich die Filmwirkungsanalyse ein, um dieser Diskrepanz nachzugehen. Denn das Publikum entscheidet nicht analytisch, sondern allein nach seinem Erleben.

Flightplan – Ohne jede Spur

Flightplan – Ohne jede Spur (USA 2005)

Drehbuch: Peter Dowling, Billy Ray
Regie: Robert Schwentke

Der Flugzeug-Thriller mit Jodie Foster in der Hauptrolle hatte in Deutschland keinen leichten Start. Dem deutschen Regisseur Robert Schwentke, der damit sein Hollywood-Debüt gab, wollten manche die Bewältigung dieser Aufgabe nicht richtig zutrauen. Auch wurde die Story des Films von vielen Rezensenten als „unlogisch“ und „konstruiert“ bemängelt. Trotzdem führte Flightplan für mehrere Wochen nicht nur die amerikanischen und deutschen, sondern auch die Charts vieler anderer Länder an. Inzwischen hat sich die Produktion für Touchstone-Pictures und Imagine-Entertainment als ein guter finanzieller Erfolg herausgestellt. Wenn ein Film in den Medien schlecht besprochen wird und beim Kinopublikum dennoch eine gute Resonanz erhält, schaltet sich die Filmwirkungsanalyse ein, um dieser Diskrepanz nachzugehen. Denn das Publikum entscheidet nicht analytisch, sondern allein nach seinem Erleben, ob es einen Film akzeptiert oder nicht.

Achtung! Die starke Wirkung von Thrillern beruht auf einem partiellen Nichtwissen der Zuschauer. Die Wirkungsanalyse bemüht sich, nicht alle Einzelheiten preiszugeben. Trotzdem wird sie die Wirkungsprozesse im Ganzen beschreiben. Wer den Film noch sehen möchte, sollte sie daher erst nach dem Kinobesuch lesen.

Peter Dowling und Billy Ray haben einen Thriller geschrieben, dessen Plot das Alltagsleben der Zuschauer mit einbezieht: Wenn in einem abgeschlossenen Flugzeug ein Mensch verloren geht, ist das im Kleinen eine ähnliche Situation die jeder kennt: Man hat in der Wohnung ein Dokument verlegt und kann es nicht wiederfinden. Es kann eigentlich nicht weg sein und doch bleibt es hartnäckig verschwunden. Jeder hat den panischen Kipppunkt schon einmal erfahren, an dem sich die besonnene Suche in ein rasendes Schublade-Auf und Schublade-Zu verkehrt.

Doch das ist nicht alles. Die zweite universale Grundsituation, die Flightplan belebt, hat mit unserem Umgang mit Verlust zu tun. Wenn sich jemand von uns trennt, wenn wir eine geliebte Person durch Tod verlieren, helfen wir uns über den schmerzhaften Verlust hinweg, indem wir intensiv an sie denken. Sigmund Freud hat in „Jenseits des Lustprinzips“ eindrucksvoll beschrieben, wie ein kleiner Junge die Abwesenheit seiner Mutter kompensiert, indem er eine Garnrolle von sich wegwirft und sie wieder zu sich heranzieht. Dieses „Weg-da-Spiel“ dient der aktiven Bewältigung passiv erlittenen Verlustes. In eine ähnliche Bewegung geraten wir wenn wir uns Flightplan ansehen. Und am Ende stellt sich überraschend heraus, dass nicht wirklich etwas verloren ging. Wir haben nur unseren Glauben daran aufgegeben.

Das Weg-Da-Spiel beginnt schon in der Anfangssequenz. Sie macht mit der Flugzeugkonstrukteurin Kyle Pratt (Jodie Foster) bekannt, die ihren Mann auf tragische Weise verloren hat. Im winterlichen Berlin bereitet sie die Rückführung seiner Leiche in die USA vor. Wir lernen eine Frau kennen, bei der Vorstellung und Realität ineinander übergehen. Ihr verstorbener Mann ist in ihren Gedanken, in den Situationen des Alltags für sie weiterhin gegenwärtig. Der Plot lässt offen, ob Pratt die Anwesenheit ihres Mannes imaginiert oder halluziniert. Mit Engelsgeduld kümmert sie sich um ihre Tochter Julia (Marlene Lawston). Einfühlsam geht sie auf die Wünsche des Mädchens ein, und man fragt sich als Zuschauer, ob sie es damit nicht ein wenig übertreibt. Vielleicht ist auch diese Mutterliebe ein Weg, sich über den Verlust des Mannes hinwegzutrösten? Als Pratt beim Blick aus dem Fenster im dunklen, gegenüberliegenden Haus zwei Männern entdeckt, die kurze Zeit später wieder verschwunden sind, verhärtet sich der Verdacht, dass mit ihr etwas nicht stimmt.

Der Film räumt seinen Zuschauern ausreichend Zeit ein, sich in die Architektur des riesigen Flugzeugs, das Mutter und Tochter über den Atlantik befördern soll, einzuüben. Die Fluggäste nehmen ihre Plätze ein und die Reise über den Atlantik beginnt. Als Pratt nach kurzem Schlaf wieder aufwacht, ist ihre Tochter verschwunden. Jetzt erleben wir sie als eine verzweifelte Mutter, die etwas sucht, was an einem Ort wie dem Flugzeug eigentlich nicht verloren gehen kann. Je länger Pratt nach Julia sucht, je entschiedener und verzweifelter sie das Flugpersonal und die anderen Passagiere davon zu überzeugen sucht, dass ihre Tochter irgendwo sein muss, desto mehr verwandelt sie sich in eine bemitleidenswerte Mutter. Man übernimmt die Ansicht des Flugpersonals und der meisten Mitreisenden: Diese Frau hat den Tod ihres Kindes nicht ertragen und hält es sich in ihrem Wahn am Leben. Man erinnert sich daran, dass Pratt auch am Anfang des Films ihre Vorstellungen benutzte, um sich über den Tod ihres Mannes hinwegzutrösten. Allmählich verfestigt sich das Gefühl, diese Frau an ihre eigenen Wahnbildungen zu verlieren. Für die Zuschauer bedeutet diese Phase eine unangenehme Krise in der Beziehung zur Protagonistin. Sie droht als Orientierungspunkt verloren zu gehen. Um das passiv Erlittene ins Aktive zu wenden, lockert man die Bindung zu ihr. Damit hat das Weg-Da-Spiel die Beziehung zwischen Zuschauer und Hauptfigur eingenommen. Ein distanziertes Mitleid kann sich nun breitmachen. Es kann auch Langeweile aufkommen. Denn im Grunde ist alles gesagt: Der Film dreht sich um eine Frau, die in ihren Wahnbildungen verloren geht. Man fragt sich nun, wie diese Geschichte eine Auflösung erfahren kann.

Und dann kommt eine Wendung, die den Zuschauer aus seiner Distanzierung herauskatapultiert. Damit ändert sich das Bild von der Protagonistin. Nun ist sie nicht mehr Trauernde oder Verrückte, sondern das Opfer eines realen, kriminellen Erpressungsplans. Mit dieser Wendung beginnt der actionreiche Showdown des Thrillers. Pratt wird aktiv und macht sich daran, ihre Antagonisten auszuschalten. Am Ende verlässt sie unter dem Applaus der fünfhundert Mitreisenden, ihre kleine Tochter im Arm, das riesige Flugzeug. Und noch einmal hat sich das Bild, das wir Zuschauer von ihr hatten, gewandelt. Nun begegnen wir ihr mit Respekt. Es ist der Respekt und die Zuneigung einer Frau gegenüber, die konsequent an ihrer Überzeugung festhielt, die gegen alle Widrigkeiten bei der Sache blieb. Eine Frau, die sich nicht davon abbringen ließ Mutter zu sein.

Was an Flightplan berührt, ist diese unbeirrbare, ja lange Zeit verrückt erscheinende Verbindlichkeit einer Mutter gegenüber ihrem Kind. Während wir als Zuschauer mehrmals dazu bereit sind, Pratts Beharrlichkeit als Wahn abzuwerten und sie als Orientierung gebendes Zentrum des Films aufzugeben, berührt sie uns am Ende umso stärker an dem menschlichen Wunsch, dass sich jemand ähnlich konsequent, beharrlich und verlässlich für uns einsetze. An dieser Stelle empfinden wir wie die Kinder, die darauf angewiesen sind, dass ein Erwachsener gegen alle Widrigkeiten den Schutz für sie übernimmt. In einer Kultur, in der Verbindlichkeiten äußerst brüchig geworden sind, in der Eltern kaum noch wissen, wie sie ihren Kindern ein stabiler Halt sein können, erscheint diese Bezogenheit Jodie Fosters zu einem Kind, an dessen Realität wir als Zuschauer zweifeln, als ein wundersam überraschender Halt. Diese unbewusste, von Flightplan mitbewegte Wirkungsebene unterstützte den Film dabei, sich gegen die Unkenrufe negativer Filmbesprechungen beim Publikum durchzusetzen.

Dirk Blothner