Der Film vertraut darauf, dass ein überpersönlicher Fluss von Grundsituationen, Metamorphosen und Wendungen einen Wirkungsprozess zu tragen versteht. Wenn man willl, kann er einem deutlich machen, dass das Seelische nicht in den Gehirnen der Menschen sitzt, sondern ...

Elizabethtown

Elizabethtown (USA 2005)

Buch und Regie: Cameron Crowe

Wahrscheinlich ist Elizabethtown der wunderbarste Film, den Cameron Crowes bisher geschaffen hat. Jerry Maguire – Spiel des Lebens (USA 1996) oder Vanilla Sky (USA 2001) konnten in Hinblick auf Figuren und Schauspielerführung vielleicht mehr überzeugen. Aber der neueste Film des außergewöhnlichen, amerikanischen Filmemachers und Drehbuchautors hat Qualitäten, die dem Kino einen Weg in die allgemein als ungewiss beklagte Zukunft weisen können.

Elizabethtown ist psychologisch gesehen außerordentlich modern. Er setzt eine Symphonie der Wirklichkeit in Gang. Man kann ihn als ein materiales Symbol des Lebens verstehen. Der Film vertraut darauf, dass ein überpersönlicher Fluss von Grundsituationen, Metamorphosen und Wendungen einen Wirkungsprozess zu tragen versteht. Wenn man es so sehen will, kann er einem deutlich machen, dass das Seelische nicht in den Gehirnen der Menschen sitzt, sondern sich in den Straßen, den Schuhen und Dingen, den Märkten, den Filmen, den Gebäuden und allem anderen, was Crowe und sein Kameramann John Toll an Ansichten der USA zusammengetragen haben, zum Ausdruck bringt. Die Welt ist das „aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte“ möchte man mit Marx angesichts dieses ungewöhnlichen Films sagen.

Die seelische Wirklichkeit macht es möglich, alles um einen Turnschuh zu zentrieren. Nicht nur das Leben des Designers Drew Baylor (Orlando Bloom), sondern auch das Schicksal eines internationalen Sportwarenkonzerns. Der Schuh ist am Anfang ALLES und schon nach einigen Minuten NICHTS. Erfolg und Scheitern ist eine der am meisten beachteten Volten unserer Zeit. Was kommt nach dem Nichts? Cameron Crowe beantwortet diese Frage mit dem verrückten, aber deswegen umso liebenswerteren Mädchen Claire (Kirsten Dunst), die dem erfolgsverwöhnten New-Economy-Mann Szene für Szene hineinführt in den vielgestaltigen, überraschenden, banalen und doch wunderbaren Fluss des Lebens.

Außergewöhnlich und von deutschen Cineasten oft übersehen sind der seelenanaloge Aufbau und Stil des Films. Hier ist jemand am Werk, der nicht nur eine Geschichte zeigen, sondern zugleich seine zutiefst psychästhetische Auffassung von der Wirklichkeit sinnlich spürbar machen will. Das mag manchen Kinogänger oder an klassische dramaturgische Modelle gewöhnten Kritiker verunsichern, aus der Sicht der Filmwirkungsanalyse jedoch haben wir es mit einem engagierten Versuch zu tun, mitten hineinzuführen in die aktualgenetischen Wendungen der Wirklichkeit. Wenn man die vertrauten Kategorien zurückstellt und sich dem musikalisch reich untermalten Bilderfluss überlässt, erhält man eine Ahnung davon, was es heißt, aus einer von Abstraktionen wie „Erfolg“ und „Gewinn“ bestimmten Welt zurückzufinden in den wunderbaren Alltag des Lebens. Nicht die Firmen, die zurzeit die Welt beherrschen sind „groß“. Es ist der All-Tag, der unsterbliche Größe besitzt - mit seinen Gesichtern, seinem Witz, seinen Hoffnungen und Kränkungen, seinen Gegenständen und den Bildern, in denen die Menschen auf Zeit zusammenfinden. Er wird uns auch wieder aufnehmen, wenn die Welt bestimmenden Konzerne mit ihren abstrakten Zielen zugemacht haben. Dass ein Film mit einem solchen Plot, mit derart langen Szenen ohne eigentliche Handlung die Zuschauer dennoch auf ihren Sitzen hält, ist ein Beweis dafür, dass wir in einer Wirkungswelt leben, die sehr viel bunter, phantastischer und verrückter ist als uns die meisten anderen Filme weis machen wollen.

Was hat das mit der Zukunft des Kinos zu tun? Ich denke, dass die digitale Revolution inzwischen an eine Grenze gestoßen ist. Sie hat sich anstecken lassen von der allgemeinen Jagd nach dem Großen und dem Perfekten, vor allem nach abstraktem Erfolg. Das ist die Stunde einer neuen Generation von Filmerzählung. Sie löst sich von der zu engen Auffassung, dass Filmwirkung bedeutet, sich mit einer Figur zu identifizieren. Filmemacher wie Cameron Crowe wissen, dass sie dem Erleben des Publikums mit allem, was die Wirklichkeit bietet - auch mit unbekannten Nebenfiguren, langen Fahrten durchs Land und "überpersönlichen" Figurationen - eine Ausdrucksform anbieten können. Wenn sie damit den Fluss des Lebens spürbar machen! Sie wissen, dass der Film von allen Kunstformen am besten dazu geeignet ist, der menschlichen Seele ein Spiegel zu sein. Und dieses Wissen bringt sie dazu, den ungeheuren Aufwand auf sich zu nehmen, eine solch märchenhafte Symphonie des Lebens zu schaffen wie Elisabethtown. Ich denke, ähnlichen seelenlogischen Werken gehört die Zukunft des Kinos. Denn hier gibt es noch sehr viel zu entdecken und auszuprobieren.

Dirk Blothner