Mit »Der Untergang« erhält nun die Gegenströmung ein Ausdrucksfeld größeren Ausmaßes, bringt andere Zuschauer in die Kinos und bietet den jüngeren, von der Dauerparty erschöpften Zeitgenossen einen seelischen Verfassungswechsel an.

Der Untergang

Der Untergang (D 2004)
Buch: Bernd Eichinger
Regie: Oliver Hirschbiegel
Constantin 16.9.2004

Worauf beruht die Wirkung von »Der Untergang«?

Der Film von Oliver Hirschbiegel und Bernd Eichinger zog an seinem Startwochenende am 18./19. September 2004 fast eine halbe Million Kinogänger in seinen Bann. Eine erste Schätzung ergibt, dass nicht nur ältere Menschen, sondern auch jüngere zu seinem Kernpublikum gehören. Im Vorfeld taten sich die Analysten schwer damit, die Marktfähigkeit eines solchen Projektes einzuschätzen. Die Vergabekommission der Filmförderungsanstalt kam sogar zu dem Schluss, das Projekt verdiene keine Bundesfilmförderung. Doch wie so häufig geht die Filmwirkung ihren eigenen Weg. Zwischen dem Werk mit Bruno Ganz in der Rolle des Diktators und der seelischen Verfassung der Bürger dieses Landes findet in diesen Wochen eine Wirkung statt, die sich – gemäß den Berichten vieler Beobachter - als „Beeindruckung“, „Nachdenklichkeit“, „Respekt gegenüber der schauspielerischen Leistung“ zum Ausdruck bringt. Bei der Premierenfeier in München soll den Besuchern nach der Vorstellung das Klatschen und Feiern schwer gefallen sein.

Zwei Unterhaltungsströmungen

Wenn man die Wirkung dieses historischen Dramas verstehen möchte, sollte man es in dem Kontext betrachten, in dem es zur Aufführung gelangt. Einige Wochen vor Der Untergang startete derselbe Verleih – Constantin aus München – mit ähnlich großem Erfolg die vom Publikum lang erwartete Klamauk-Komödie (T)raumschiff Surprise. Dieser Film fasste noch einmal eine seit Beginn der 90er Jahre stetig gewachsene Unterhaltungsströmung zusammen, in der es um nichts anderes als den Spaß ewiger Kindheit und Jugend geht. Ausgelassene Comedy-Filme wie der Schuh des Manitu und (T)raumschiff Surprise kann man als Gipfelpunkte der Partyströmung verstehen, deren schnelle Drehungen über viele Jahre eine euphorische Grundstimmung modellierten, die sich über die Alltagswirklichkeit in Deutschland hinwegsetzte und ihr Heil im Dauerspaß entdeckte.

Mit Der Untergang erhält nun die Gegenströmung ein Ausdrucksfeld größeren Ausmaßes, bringt andere Zuschauer in die Kinos und bietet den jüngeren, von der Dauerparty erschöpften Zeitgenossen einen seelischen Verfassungswechsel an. In dem erstaunlich großen Erfolg eines Wirklichkeitsdramas wie The Hours, gewissermaßen aber auch in der psychischen Härte von Der Herr der Ringe konnte man das Erstarken dieser Strömung kommen sehen. Die intensive Stimmung im Führerbunker am Ende des Zweiten Weltkrieges, in der sich das Schicksal des gesamten deutschen Volkes spiegelt, in der Volksaufschwung und Führerliebe im Kanonendonner der Roten Armee verhallen, erinnert die Kinogänger daran, dass keine Party ewig dauern kann und die Wirklichkeit darauf drängt, im Ganzen beachtet zu werden.

Diese zwei Unterhaltungsströmungen – Partyspaß und Wirklichkeitsdrama – stellen die Rahmenbedingungen bereit, in dem Der Untergang seine Wirkung entfaltet. Zehn oder zwanzig Jahre vorher wäre die Stimmung in Deutschland noch nicht reif gewesen für ein solches, seelisch aufwändiges Filmerlebnis. Die Partystimmung musste unter dem Eindruck der lang anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Krise an ihren Scheitelpunkt gelangen, bevor ein Film wie Der Untergang Erfolg haben kann.

Dramatisierung des Scheiterns

Aber nicht nur die Rahmenbedingungen sind ausschlaggebend für den Erfolg eines Kinofilms. Das Filmerlebnis selbst ist die andere Seite, die über seine Wirkung entscheidet. Gelingt es, im Erleben des Publikums einen packenden Grundkomplex in Entwicklung zu bringen, fühlen es sich von dem Film verstanden und bewegt und wird es ihn weiterempfehlen.

Wirkungsanalytisch betrachtet, handelt es sich bei Der Untergang um den Komplex des Scheiterns. Mit dem Scheitern von Plänen und Absichten ist jeder Mensch vertraut. Denn nicht immer laufen unsere Unternehmungen so, wie wir es gerne wollen. Das ist ein harter Aspekt der Wirklichkeit, den wir gerne verleugnen. In der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Lage, unter dem Eindruck der Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus bekommen die Menschen jedoch einen bedrängenden Eindruck was Kollektives bedeutet. Jahrzehntelang haben die Deutschen über steten wirtschaftlichen Fortschritt im Westen oder Fortsetzung der Diktatur unter anderen Vorzeichen im Osten versucht, das nationalsozialistische Kapitel ihrer eigenen Geschichte zu vergessen. Daher brauchte es tatsächlich 60 Jahre bevor ein solcher Film in Deutschland gemacht werden konnte. Unter dem Eindruck der inzwischen nicht mehr zu verleugnenden Bedrohung von persönlichem Lebensstandard und Kultur im Ganzen und angesichts der zum öffentlichen Thema gewordenen Führungsschwäche der Politik sind die Menschen nun bereit, auch den kollektiven Untergang als eine Möglichkeit des Lebens zu begreifen.

Wenn sie die eigenartige Verschränkung zwischen dem gebrochenen Diktatorbild und der Führersehnsucht der ihn umgebenden Generäle, Soldaten, Familien und zivilen Mitarbeiter im Kino beobachten, können sie manche ihrer eigenen heimlichen Gedanken, Hoffnungen und Befürchtungen unterbringen. Sowohl die Sehnsucht nach Führungspersönlichkeiten, die die zeitgenössischen Parteien nicht zu bieten haben, als auch die Abscheu vor dem Missbrauch der Macht lassen sich in diesem Drama mitbewegen. Nicht nur das Scheitern als Erfahrung wird Ereignis, sondern auch das absurde Aufbäumen gegen dessen unaufhaltbaren Lauf. Das sind Momente eines unterschwelligen Alltagsdramas zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die in dem Filmdrama über die letzten Tage in Hitlers Bunker einen verdichteten Ausdruck erhalten.

Dirk Blothner